Natürlich natürlich.

Heute war ich in der Uni Bibliothek und wollte mir eigentlich nur ein genau 3,67kg schweres Lehrbuch ausleihen, als ich über ein ganzes Regal voller interessanter Bücher zu den Themen Theater, Tanz und Bewegung stolperte. Das Lehrbuch gabs im EG, die anderen Bücher waren im 4.Stock …

Ich blätterte also in einem Buch über die sogenannte Feldenkrais-Methode und blieb an einem Absatz über Natürlichkeit der Bewegung hängen. Sofort kam mir die Parallele in der Zauberwelt in den Sinn. Da heißt es immer: „Die Bewegung muss natürlich sein, sonst sieht der Zuschauer ja doch wie du das gemacht hast.“Bloß wann ist eine Bewegung natürlich bzw. welche Probleme gibt es da beim Zaubern?

Normalerweise heißt bei den Zauberen eine Bewegung natürlich, wenn man die Bewegung bei der Trickhandlung genau so macht, wie wenn „nichts“ passiert. Das ist ja noch ganz nett, wenn man eine Falschübergabe macht oder Karten falsch mischt, aber wie sieht das denn aus, wenn man Münzen aus der Luft pflückt oder eine Flasche Wein erscheinen lässt? Bevor ich zaubern lernte, habe ich das nicht so einfach mal jeden Tag  gemacht.

„Sagen Se mal, wie machen Sie das eigentlich, wenn Sie Münzen in der Luft erscheinen lassen?“

Falte mal deine Hände, so wie beim Beten in der Kirche. Komm, mach schon. Nicht nur den Blog lesen…

Welcher Daumen ist oben? Falte die Hände nun mal anders rum. Also den anderen Daumen nach oben. Fühlt sich komisch an oder?

Die andere Seite fühlt sich einfach besser an, gell? Deine Hände sind praktisch gleich, und du faltest deine Hände schon seit du denken kannst genau so – ohne groß darüber nachzudenken. Das bedeutet diese eine Variante wurde nur mit der Zeit natürlich für dich.

Wenn Kinder lernen Fahrrad zu fahren sehen ihre Bewegung meist sehr abgehackt und hölzern aus. Mit der Zeit werden sie flüssiger und natürlicher, sodass man nicht mehr ständig Angst hat, das Kind würde vom Rad fallen. Für die Zauberkunst heißt das nun,  wenn man Bewegungen häufig genug wiederholt, werden sie natürlich wirken (und sich auch so anfühlen), egal welche Bewegungen man nimmt. Ist das nicht schön? 😀

Natürlich (was denn sonst?!) sollten die Bewegungen auch zum entsprechenden Bühnencharakter passen. Sonst sieht man einen kleinen niedlichen und vermutlich auch schüchternen Zaubererjungen, der bei seiner Hindu-Faden Routine so große Bewegungen macht, wie sie wohl eher zu einem erfahrenen Großillusionisten passen.

Zu guter Letzt: Muss eine Bewegung eigentlich natürlich SEIN? Reicht es nicht auch, wenn sie auf die Zuschauer natürlich wirkt?!

3 Gedanken zu “Natürlich natürlich.

  1. Wieder Mal zwei Dinge, die ich so nicht anführen würde. Vieleicht hilft es Dir ja!

    Zum Einen: Fahradfahren ist kein direkter Lernprozess. Es ist ein Prozess, sich einen UNBEDINGTEN Reflex, den man von Geburt an als Programm „mitlaufen“ hat, wieder zu aktivieren: Der Gleichgewichtssinn.
    Es ist ähnlich dem Schwimmen. Neugeborene kann man ins Wasser werfen, die schwimmen sofort! Sie verlernen es ein paar Jahre, weil es nicht kultiviert wird. Später wird dieser Reflex nur wieder aktiviert.
    Beim Unbedingten Reflex erkennt man, dass, einmal wiedererlangt im vernunftbegabten Zustand kann man das NIE WIEDER verlernen.

    Zur Natürlichkeit:
    Ich würde die Natürlichkeit für darstellende Künstler nie an der Körpersprache festmachen, sondern am Habitus. Der ist nämlich AUCH EIN REFLEX und kann aktiviert werden. Wenn man diesen Weg geht, dann lernt man automatisch an seiner eigenen Person, an seiner eigenen Natürlichkeit und braucht sich nicht etwas „fremdes“ aneignen.
    Den Habitus effektiv einzusetzen, dazu gibt es eine sehr gute Ausbildungs und Aufklärungs-Reihe verschiedener Situationen: Alle Bücher von Samy Malcho.
    Da lernt man zielführend reden und anweisen und vor Allem, damit Vertrauen zu erwecken.
    Dabei ergibt sich eine sehr effektive Natürlichkeit, die nicht „fremdgelernt“ ist.

  2. Interessante Einwände.

    Bei dem Fahrradfahren bin ich mir nicht ganz sicher. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man das sehr wohl wieder verlernen kann. Ein Jahr USA mit Fahrradabstinenz hat deutliche Spuren hinterlassen…

    Wenn eine richtig gute Ballerina tanzt, sieht das für sie auch natürlich aus, obwohl die meisten „normalen“ Menschen schon ein Passé als unnatürlich empfinden. Sie hat das alles in mühevoller Kleinarbeit erlernt und nun sieht es auch natürlich aus. Oder was meinst du?

    • Selbst wenn Du anfangs Schwierigkeiten hattes, wieder aufs Fahrrad zu steigen wirst Du niemals die Lernzeit benötigt haben, um wieder fahren zu können.
      Der Reflex wurde nur wieder aktiviert, ich denke etwa 30 Minuten.

      Der Habitus ist die persönliche, naturgegebene Körpersprache.
      Den zu benutzen ist auf alle Fälle stärker, als etwas unnatürlich Angelerntes.
      Die eigene Natürlichkeit, die schon vorhanden ist so auszubilden, dass sie beendruckt ist allemal die stärkere „Magie“.

      Vergleich es mal mit dem Begriff der „Schönheit“. Viele verwechseln die Fassade, die Schminke, die Frisur und das Styling mit dem Begriff der Schönheit. Die ist aber sofort passeè, wenn der/diejenige meist den Mund aufnacht und dann „die Fassade zusammenfällt“ weil die Bildung fehlt.

      Schönheit ist vor Allem Ausstrahlung und Charisma und das kann man nicht mit Farbe im Gesicht erreichen, sondern NUR mit „ausgebauter Persönlichkeit“, denn DANN nämlich wird man bedeutend intensiver beachtet.

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